BlomCast
The BlomCast looks at turning points in history, which have always fascinated me. My name is Philipp Blom, I am a historian and broadcaster and author of many books about the Enlightenment, the story of modernity and climate history. The climate catastrophe places us at the greatest historical turning point hin human history. What, if anything, can we learn from moments in the past in which a model of life seemed to change, or had to change, in which whole societies were transformed?
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[57] Europa 2050 — die Herausforderungen
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Europa findet sich in einer neuen Welt, in der große Imperien alles untereinander aufteilen: Wer keinen Platz am Tisch hat, ist auf der Speisekarte. Aber wie können europäische Demokratien überleben? In dieser Folge denke ich über drei fundamentale Säulen nach: Autonomie, Nachhaltigkeit und Demokratie. Die Herausforderungen sind enorm und die Europäer:innen werden sich entscheiden müssen, ob sie bereit sind, sich für ihre Autonomie einsetzen, oder ob der Kontinent der Kolonisatoren jetzt endlich zur Kolonie anderer Mächte wird.
Blomcast Turning Points in History Wendepunkte in der Geschichte. Hallo und willkommen beim Blomcast, dem Podcast, der sich mit Wendepunkten in der Geschichte beschäftigt. Und heute nach längerer Abwesenheit mal wieder einen Podcast auf Deutsch, diesmal ein Monolog. Ich werde auch wieder deutsche Gäste einladen. Aber wie sie sich, wie ihr euch vorstellen könnt, gibt es einfach viel mehr Leute im englischsprachigen Raum, die spannend sind, mit denen man sprechen kann. Und deswegen gibt es mehr Episoden auf Englisch als auf Deutsch. Aber heute spreche ich nur mit mir selbst und das macht es einfach, einen Gast zu finden. Und ich möchte über etwas sprechen, was auch ein sehr europäisches Thema ist, nämlich die Zukunft von Europa. Ich glaube, das ist im Moment ein sehr wichtiges Thema, ein sehr strategisches Thema, denn wir stehen gerade vor einem Scherbenhaufen auf diesem Kontinent. Und die Frage ist wirklich, ob Europa eine eigene Zukunft haben kann oder ob Europa eine Zukunft als ein Patchwork von Kolonien haben wird, Kolonien anderer Mächte und was vielleicht möglich ist, um das zu vermeiden. Die Situation, von der wir ausgehen, ist nicht nur schlecht, man sie könnte sogar verzweifelt sein. Europas einzigartige Beziehung mit den Vereinigten Staaten, die NATO, das transatlantische Bündnis, das Europa strategische Sicherheit gegeben hat, liegt in Ruinen. Es gibt Kriege an der Peripherie von Europa. Es gibt ein riesiges Schlachten von Zivilisten in Gaza, das trotz Friedensverhandlungen übrigens immer noch weitergeht. Es gibt den Angriffskrieg auf die Ukraine, es gibt andere Konfliktherde. Und es gibt auch genug ökonomische, soziale und politische Konflikte in Europa selbst. Es gibt ökonomische Probleme, große Fragen darüber, wo Europa seine Energie herkriegen wird. Aber auch zum Beispiel Fragen mit Demografie und Migration, all das stellt die Frage, stellt die Zukunft von Europa radikal in Zweifel. Und darüber möchte ich heute sprechen. Erstmal damit anfangen, dass die Europäerinnen und Europäer, wenn man sich die öffentliche Debatte ansieht oder auch so das, was man abends beim Abendessen mit Freunden hört, oft sehr überrascht zu sein scheinen, weil sie eigentlich angenommen hatten, sie hätten alle großen Fragen der Geschichte bereits gelöst und wären sozusagen in einem posthistorischen Raum angekommen, in dem es nur noch um Umverteilung und Sozialstaaten geht und so böse Dinge wie politische Gewalt und Kriege der Vergangenheit angehören. Und es gab so einen gewissen Dünkel, besonders nach 1989, dass europäische Opinionleaders immer wieder geschrieben und gesagt haben oder eigentlich impliziert haben, wie schade, dass andere Länder nicht. Warum können denn nicht mehr sein wie wir? Wir haben es doch geschafft, wir haben ein neues Paradigma gefunden. Und wenn andere Länder es nur schaffen würden, mehr zu sein wie europäische Länder, zivilisierter zu sein, sich an Gesetze zu halten, besseres Management zu haben, dann wären alle Probleme in der Welt gelöst. Ja, das war, sagen wir, Europa in den 2000ern und das ist jetzt nicht mehr so. Die Welt hat sich tatsächlich radikal geändert. Und wir leben heute in einem anderen Europa, in einem viel unsichereren Europa, in dem nicht nur die Verteidigung nach außen in Frage steht, sondern auch die Frage, ob überhaupt diese Gesellschaften demokratisch bleiben werden, ob die Wichtigkeit, die Menschenrechte und ähnliches heute in Europa haben, auch noch so ob das überleben wird oder ob Europa einfach ein Samesorium von Autokratien und mehr oder weniger diktatorischen Staaten werden wird. Und der Pfad dahin ist nicht mehr weit. Wie sind wir in diese Position gekommen und was gibt es für Wege, um diese Situation zu überwinden? Ich glaube, wie wir in diese Situation gekommen sind, das ist, das hat einerseits sehr viel mit äußerlichen Faktoren, mit externen Faktoren zu tun, die Ferien von der Geschichte, die Europa gehabt hat in der Nachkriegszeit, sind vorbei. Und die Geschichte ist zurückgekommen. Europa, wie gesagt, dachte, wir hätten schon eine posthistorische Zeit erreicht und jetzt sehen wir, nein, das ist nicht so. Die Geschichte ist nicht vorbei, wie Herr Fuyama versprochen hatte, sondern wir sind wieder mittendrin und das heißt auch, dass Europa sich zum Beispiel verteidigen können muss. Was muss Europa können, um eine Zukunft zu haben? Ich glaube, drei Dinge sind ganz wichtig. Das eine hängt mit Verteidigung zusammen, denn es ist Autonomie. Kein Staat, kein Staatenbund, der nicht zu einem gewissen Grad autonom ist, seine eigenen Entscheidungen über seine Zukunft fällen kann, kann überhaupt eine eigene Zukunft haben. Also wie diese Autonomie herzustellen ist, das ist sicherlich ein großer Pfeiler davon. Das zweite würde ich sagen, ist tatsächlich Nachhaltigkeit. Einerseits, wenn die Klimakatastrophe uns tatsächlich überwältigt, wenn es mehr als drei Grad Erhitzung werden, dann wird die Welt auch so chaotisch, dass demokratische europäische Staaten, ich hätte fast gesagt, das geringste unserer Probleme sind, aber auch der Druck durch Migration, durch zusammenbrechende Wirtschaftsräume etc. auf diese Staaten so groß sein wird, dass diese Entwicklung nicht mehr möglich ist. Nachhaltigkeit im Hinblick auf Ressourcen, im Hinblick auf Energiequellen, im Hinblick auf die ganze Ökonomie wird ein Schlüssel dazu sein, eine gute europäische Zukunft überhaupt haben zu können. Und der dritte Pfeiler, würde ich sagen, ist tatsächlich, dass diese Länder demokratisch bleiben müssen, denn sonst haben wir nichts zu verteidigen, sonst haben wir keine Vision zu verteidigen und kein gutes Leben. Und die Frage ist, was es braucht, um diese Demokratien vital zu halten. Versuchen wir also diese drei Punkte mal kurz anzusehen und uns damit zu beschäftigen. Das erste, wie gesagt, ist die Autonomie. Alle Medien haben darüber geschrieben, die europäischen Länder sind im Prinzip nicht mehr fähig, sich selbst zu verteidigen, zum Beispiel gegen einen Aggressoren wie Russland. Und auch der Weg zu einer europäischen Armee unter einem Kommando scheint ein weiter zu sein. Das heißt, hier hat Europa im Moment einfach nicht die Kapazität, sich zu wehren und sein eigenes System zu verteidigen. Und hier wird noch ein weiter Weg gegangen werden müssen. Aber es ist natürlich nicht nur militärische Autonomie, die hier verteidigt werden muss, sondern wir müssen auch besonders Ökonomie, die Energieautonomie ansehen. Und auch die Autonomie, wenn es zu kritischen Ressourcen kommt. Von beidem hat Europa viel zu wenig, um sich selbst versorgen zu können. Und daher ist einerseits tatsächlich die Nachhaltigkeit wieder, die Kreislaufwirtschaft etc. etwas ganz Entscheidendes, um diese Last geringer zu machen, aber andererseits braucht es auch neue technologische Lösungen, um diese Autonomie zu stärken. Und auch davon sind wir noch sehr weit entfernt, auch in der zum Beispiel eigenen Nahrungsmittelproduktion, wäre Europa nicht mehr fähig, sich selbst zu versorgen. Aber es gibt noch etwas, was vielleicht etwas weniger offensichtlich ist, aber genauso kritisch, wo Europa tatsächlich schon direkt auf dem Weg ist, sich selbst zur Kolonie zu machen. Und das ist die digitale Autonomie, die digitale Souveränität. Wir stehen oder wir sind mitten in einer großen technologischen Revolution, einer digitalen Revolution, die besonders unsere Ökonomien, aber auch unsere Gesellschaften völlig umpflügen wird. Es geht um künstliche Intelligenz, es geht um Digitalisierung, es geht um Roboter. Und da wird sich in den nächsten 10 oder 20 Jahren viel, um nicht zu sagen, alles ändern. Und da muss man ganz einfach sagen, alle Schlüsseltechnologien sind in amerikanischer oder chinesischer Hand. Europa besitzt keine dieser Schlüsseltechnologien, zumindest nicht in dem Ausmaß, wo sie gefragt sind. Wenn man an künstliche Intelligenz denkt, dann gibt es ein europäisches Modell namens Mistral, das aber so unterfinanziert ist, dass es nicht mit amerikanischen Modellen konkurrieren kann. Wenn Sie an zum Beispiel Cloud Storage denken von Daten, dann muss man sagen, europäische Regierungen haben 70 Prozent ihrer Daten auf amerikanischen Servern und könnten also durch ein Dekret des amerikanischen Präsidenten den Zugang zu diesen Daten verlieren. Und auch alle anderen digitalen Schlüsseltechnologien sind nicht in europäischer Hand. Dies ist eine Ironie, denn es gibt tatsächlich mehr Startups und mehr Experten in Europa als zum Beispiel in den Vereinigten Staaten. Aber da Europa keinen gemeinsamen Finanz- oder Investmentmarkt hat, heißt es, dass diese Startups, wenn sie dann einmal tatsächlich raufskalieren wollen, um auch lukrativ zu werden, sich dann das Geld in den Vereinigten Staaten suchen müssen und aus Europa weggehen müssen. Und so haben wir einen europäischen Brain Brain, der dieses Problem noch viel virulenter macht. Europa ist hier wirklich direkt auf dem Weg, sich zu einer Serie von digitalen Kolonien zu machen. Und das heißt auch, dass natürlich diese Technologien nicht nur von jemand anderem kontrolliert werden und die Profite nicht nur aus Europa rausfließen, sondern auch, dass diese Technologien gar nicht so designt sind, wie europäische Gesellschaften sie vielleicht brauchen oder wollen würden. Es gibt seit langem die Idee, dass europäische Technologien in einem digitalen Commons, in einer digitalen Allmende gehalten werden könnten, um tatsächlich europäischen Gesellschaften zugutezukommen. Denken Sie zum Beispiel an eine europäische Social Media Plattform, deren Algorithmen nicht daraufhin designt sind, dass sie die Verweildauer von Menschen auf den Apps verlängern, indem sie sie emotionalisieren und wütend machen, indem sie ihnen immer extremere Inhalte zuspielen und sie deswegen in ein Meinungssilo treiben, wo sie dann nur noch diese Art von Meldungen bekommen, sondern wohl die Algorithmen anders designt sind. Das heißt, dass der Gebrauch von sozialen Medien dem Existieren an der Demokratie nicht mehr entgegengehen würden, wie das im Moment ist. Denn im Moment, das hat der amerikanische Tech-Pionier Jaron Lanier sehr schön dargestellt, wenn sie eine Social Media gebrauchen, dann ist das ungefähr so, als würden sie eine Wikipedia-Seite öffnen und jeder Benutzer, jede Benutzerung würde, Benutzerin würde eine völlig andere Seite vorfinden, je nachdem nach ihrem Alter, ihrer Klasse, ihrer sexuellen Orientierung, ihrem Bildungsstand, ihrer Suchgeschichte, ihrer Ankaufsgeschichte. Jeder würde andere Informationen sehen, die eher so maßgeschneidert sind. Das heißt, wir haben dann keine Möglichkeit mehr, uns miteinander über diese Fakten zu unterhalten. Wenn wir keine gemeinsame Faktengrundlage mehr haben. Und ich würde behaupten, Demokratie ist nichts anderes als das, wenn sich viele Menschen über die Fakten ihres Lebens unterhalten und dann gemeinsam beschließen, was sie mit ihnen machen wollen. Wenn wir keinen Zugang mehr zu Tatsachen haben, dann hört das auf. Und wie gesagt, also in der digitalen Revolution ist Europa gerade dabei, sich tatsächlich zur Kolonie zu machen. Dann gibt es ein weiteres Thema, wenn es um Autonomie geht, das man nicht verschweigen kann und darf. Das ist Migration und das sind Grenzen. Und hier lassen Sie uns das kurz machen. Vielleicht machen wir nochmal einen extra Podcast drüber, aber lassen Sie uns das diesmal kurz machen und sagen, Migration, ja, es gibt große Probleme mit Migration. Und nein, Europa und europäische Länder können nicht jeden Flüchtling, jede geflüchtende Person nehmen, die einen Grund hat zu fliehen. Denn das würden die europäischen Gesellschaften Sozialsysteme und Märkte auch nicht aushalten. Und ja, ein Land muss fähig sein, zu kontrollieren, wer innerhalb seiner Grenzen lebt und wer sich dort aufhalten kann. Das ist zum Beispiel auch wichtig, weil man sonst Gesellschaften gar nicht planen kann, wenn man nicht weiß, wie viele Kinder in die Schule gehen müssen. Dann kann man auch keine Schulen für sie bauen oder Schulen schließen, denn im Moment ist das ja eher das Problem. Und hier muss man auch sagen, das ist die Antwort darauf, auf dieses sehr komplexe Problem oder zumindest ein Faktor, der bleibt. Wir Europäerinnen und Europäer bekommen dramatisch zu wenig Kinder. Überall auf der Welt sinken die Geburtenraten, aber in Europa sind sie in allen Ländern inzwischen unter dem sogenannten Replacement Level, also unter der Schwelle, wie sich eine Bevölkerung erhalten kann, das sind ungefähr 2,1 Kinder pro Familie. In Österreich, wo ich sitze, ist es jetzt zwar 1,2, in anderen europäischen Ländern auch, in südostasiatischen Ländern oder asiatischen Ländern kann es noch viel geringer sein. In Korea zum Beispiel ist es Nobel 0,7. Aber das heißt natürlich auch, dass diese Gesellschaften mehr Migration brauchen. Wenn sie nicht nur die demografische Alterspyramide irgendwie erhalten wollen und nicht sehen, dass sie in völlig überalterten Gesellschaften leben, sondern wenn sie ganz einfach auch die Pensionen zahlen wollen für die nächste Generation, für die vorhergegangene Generation. Und wenn das soziale und ökonomische Gewebe der Gesellschaft nicht völlig zerreißen soll, dann brauchen wir mehr Migration. Heißt das, dass unsere Gesellschaften sich noch mehr verändern werden? Natürlich heißt es das, aber darum gibt es, glaube ich, keinen Weg herum. Es geht also darum, diese Transformation so für alle Beteiligten so gut wie möglich zu machen. Solche Veränderungen kann man nicht einfach, man kann nicht einfach beschließen, dass sie nicht stattfinden. Veränderungen finden statt. Es ist ein bisschen wie das Älterwerden. Man kann nur überlegen, ob man diese Veränderung erleiden oder gestalten will. Das ist die Frage der Autonomie in Europa. Und hier sieht man, es gibt riesige Herausforderungen, die auf die europäischen Länder zukommen. Aber denken wir an den zweiten Pfeiler, das ist die Nachhaltigkeit. Und das heißt auch eben, dass es eine Kapazität ist, für die eigenen Ressourcen zu sorgen, die eigenen Ressourcen zu stellen. Denken Sie nur an das Beispiel Deutschland, wenn Sie sehen wollen, wie das schief gehen kann. Deutschland hat in den vergangenen Jahrzehnten im Wesentlichen ein ökonomisches Modell gehabt, das sich darauf verließ, billige Energie aus Russland zu bekommen, einen riesigen Absatzmarkt in China zu haben und die Sicherheitsgarantie aus den Vereinigten Staaten zu haben. Das ist sehr erstaunlich als ein Modell für Outsourcing, aber es funktioniert halt nur für eine bestimmte Weile und diese drei Pfeiler sind gerade dramatisch zusammengebrochen. Nachhaltigkeit ist in den letzten Jahren so etwas in Verruf geraten, auch weil es die Spaßbremse, wie man dann sagt, es schlecht hinschien. Es schien so der Weg zu sein für Mittelklassenkids, ihre Eltern zu ärgern und ihnen zu sagen, dass sie nichts mehr machen dürfen, was Spaß macht. Aber ich glaube, der Blick auf Nachhaltigkeit hat sich geändert. Im Moment ist er leider zusammengebrochen. Nachhaltigkeit ist fast von den Agenten verschwunden. Aber ich glaube, die vernünftige Weise, über Nachhaltigkeit nachzudenken, wäre als eine strategische Schlüsselressource. Ohne Nachhaltigkeit ist Europa in einer absoluten Abhängigkeit von Energielieferanten, von Rohstofflieferanten, von Lieferanten von seltenen Erden und anderem von außen. Und diese Abhängigkeit heißt, dass sich in Europa nichts mehr tut, wenn diese Lieferungen nicht mehr stattfinden, wenn sich einer dieser Akteuren dazu entscheidet oder dazu gezwungen wird, seine Politik zu ändern. Und insofern wird Nachhaltigkeit zum strategischen Schlüssel für eine europäische Zukunft. Jedes Solarpaneel, jedes Windrad, was raufgeht, heißt auch, dass es auch ein Beitrag zur europäischen Unabhängigkeit von anderen Ressourcen. Jeder Kreislaufwirtschaft, jeder wiederverwendete Batterie, jeder Großstoff, der wiederverwendet wird, heißt, dass Europa ein bisschen mehr Chance hat, sich diese Autonomie erarbeiten zu können. Ob das genug sein kann, um tatsächlich autonom zu sein, ist zu bezweifeln. Aber je weiter diese Autonomie wächst, desto wichtiger. Und dazu kommt eben auch, diese Nachhaltigkeit hat ja auch etwas damit zu tun, die Klimakrise zumindest zu begrenzen. Sie lässt sich nicht mehr zurückdrehen oder vielleicht noch nicht mit den Technologien, die wir heute haben. Aber wir sind jetzt bei zwei Grad Erhitzung, das heißt für europäische Städte schon etwa 10 Grad Temperaturunterschied, sicherlich im Sommer. Aber drei Grad wären wirklich so katastrophal, dass dann auch der politische, der wirtschaftliche, der Migrationsdruck auf europäische Länder so weit steigt, dass es sehr schwer wird zu sehen, wie politische Systeme sich dann noch aufrechterhalten können. Und das bringt uns zur letzten dieser Frage, nämlich tatsächlich zum sozialen Frieden und zum demokratischen sozialen Frieden in unseren Gesellschaften. Und hier möchte ich einen Satz dazu nehmen, der von jemand kommt, der eigentlich nicht aus meiner eigenen politischen Familie stammt. Ein christlich-konservativer Verfassungsjurist in Deutschland namens Ernst Wolfgang Böckenförde. Ich habe diesen Satz, das berühmte Böckenförde-Diktum, schon des Öfteren gebraucht in Interviews, weil ich ihn einfach wahnsinnig wichtig finde, wenn wir über Demokratien heute nachdenken. Aber was Böckenförde schon gesagt hat, und das war schon 1962, war, dass der freiheitliche, säkularisierte Staat beruht auf Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das heißt, es kann nur dann eine Demokratie sein, wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind. Und welche Voraussetzungen sind das? Naja, das kann man sich leicht vorstellen. Das ist ein gewisses Maß an Toleranz, an Respekt füreinander und vielleicht auch an Vertrauen, sicherlich auch an Vertrauen. Wenn wir jemanden in ein Amt wählen, müssen wir vertrauen, dass er oder sie dieses Amt auch freiwillig wieder räumen wird und nicht die Zwischenzeit verwenden wird, um die Gesetze so zu ändern, dass das nicht mehr nötig ist. Und wenn wir Menschen nicht mehr vertrauen, dass sie das Spiel mitspielen, dann bricht das Spiel zusammen. Ich meine, Sie können sich vorstellen, wie das ist, wenn Sie versuchen, Schach zu spielen oder Fußball und jemand dauernd etwas tut, was in seinem Interesse ist, aber den Regeln nicht folgt, dann ist das Spiel einfach unmöglich geworden. Warum also wollen Menschen dieses Spiel nicht mehr spielen? Das Seltsame ist ja, in Demokratien sind Menschen eigentlich sehr geduldig, das Spiel zu spielen. Und sie folgen allen möglichen langweilen und vielleicht sinnlosscheinigen Regeln, weil sie Teil dieses Spiels sind und weil sie als Spieler dieses Spiels das einfach müssen. Aber warum geben sie dann auf? Ich habe da einen kleinen Selbstversuch gemacht. Ich habe eine Zeit lang FIFA gespielt, das Videospielen, und bin ich eigentlich an Videospielen nicht interessiert. Ich bin auch die falsche Generation dafür. Ich bin gerade die Generation, bevor die wirklich ausgebrochen sind. Ich bin auch im Fußball nicht besonders interessiert oder eigentlich gar nicht, aber ich wollte mal sehen, wie diese Spiele funktionieren und auch, was sie mit den Spielern machen, in diesem Fall mit mir. Und das war eigentlich sehr interessant. Erstmal habe ich gesehen, dass ich viel ehrgeiziger bin, als ich mir selbst zugetraut hätte und dass ich unbedingt meine kleinen Fußballspiele gewinnen wollte und dass ich immer sehr enttäuscht war. Und dass ich auch zum Beispiel die Spieler, die auf dem Spiel standen und die nur aus Nullen und Einsen bestehen, personalisiert habe und ihnen dann bestimmte Charaktereigenschaften zugeschrieben habe und also tatsächlich sie als Personen gesehen habe, obwohl sie nur digitale Bilder sind. Aber ich habe eben auch gesehen, dieses Spiel zwingt an praktisch dazu, jeden Tag irgendwelche kleinen Aufgaben zu erfüllen. Die sind schrecklich langweilig, aber man muss sie doch machen, denn man kriegt Credits dafür. Und wenn man die nicht kriegt, kommt man im Spiel nicht weiter und man gewinnt nicht mehr Spiele. Und ich habe das tatsächlich gemacht. Jeden Tag habe ich mich hingesetzt und diese Sachen gemacht, weil das wie Gärtnern, man muss halt Umkraut zupfen und man muss das immer wieder machen. Das macht zwar keinen Spaß, aber sonst kommt man halt nicht weiter. Das Komische war, darum habe ich das Spiel nicht aufgehört zu spielen. Ich habe es aber aufgehört zu spielen, aber aus einem anderen Grund. Und das war, dass ich immer fand, da legt das Spiel seinen digitalen Traumen auf die Waage. Und ich kriege nicht keine Resultate, die meinen Anstrengungen entsprechen. Ich sehe ganz deutlich, dass ich in Verlustserien reingerate, die vielmehr damit zu tun haben, dass ich eine Weile nichts mehr gekauft habe, als damit, dass ich nicht spielen kann, etc. Ich habe gemerkt, es ist einfach nicht fair. Ich werde hier betrogen, ich werde hier manipuliert, meine ehrlichen Anstrengungen werden hier manipuliert und missbraucht. Und dann habe ich mich entschlossen, das ist ein blödes Spiel, das will ich nicht mehr spielen. Was ist, wenn für viele Menschen, die in unseren Demokratien leben, die Demokratie so ist, wie FIFA spielen? Wenn sie einfach merken, da legt dauernd jemand seinen Daumen auf die Waage und meine Anstrengungen werden nie fair belohnt. Und dann erinnern wir uns an die demokratischen Versprechen der Nachkriegszeit, nämlich dass wenn du wirklich hart arbeitest, dann kannst du was aus dir machen und kannst vielleicht auch dir erst ein paar Jeans leisten und dann vielleicht eine Waschmaschine oder ein kleines Auto oder eine Reihenhälfte. Also es gibt ein Verhältnis zwischen deinem Einsatz und dem, was du erreichst. Und deine Kinder werden es mal besser haben als du. Das heißt, die Zukunft ist eher besser als schlechter. Diese beiden Sachen sind nicht mehr wahr. Das eine ist, also die Tatsache, dass der Einsatz eben nicht fair belohnt wird, das hat einerseits viel damit zu tun, dass wir eben nicht mehr in zerstörten Ländern leben, die alles aufbauen müssen und deswegen natürlich riesigen Wachstum haben, zumal dann auch Erdöl dazu kam und dieser Entwicklung sozusagen nochmal einen Schuss in den Arm gab, sondern dass wir inzwischen in globalisierten Ökonomien leben. Aber es ist auch so, dass einfach der Wohlstand nicht mehr so verteilt wird, wie er das früher wurde. Es gibt eine schöne Kurve, die zeigt, wie Löhne und Gehälter sich entwickelt haben im Vergleich mit dem Profit, der in westlichen Wirtschaften entwickelt wurde. Und man sieht, zwischen 1945 und 1980 gehen die ziemlich gemeinsam in die Höhe. Das heißt, wenn die Profite steigen, dann haben die Arbeiter und Angestellten auch dementsprechend mehr verdient. Und ab den 1980er Jahren, also natürlich, das ist auch die Zeit von Thatcher und Reagan, ab den 1980er Jahren teilen sich diese beiden Linien und die Löhne und Gehälter werden stagnieren und sinken sogar etwas, wenn man sie auf die Inflation angleicht, während die Profite weiter enorm steigen. Und diese Profite, die sich da, diese Schere, die sich da jetzt eröffnet, der Inhalt geht tatsächlich in die Taschen von ungefähr 10 Prozent der Bevölkerung und nicht mehr von den 90 anderen. Das kann man in ganz kühlen Zahlen fassen, also nur ganz kurz. In den 60er Jahren hat ein CEO eines großen Unternehmens ungefähr 60 Mal das verdient, was die Angestellten verdient haben, die durchschnittlichen Angestellten, das ist eine Menge mehr. Inzwischen aber sind es ungefähr 700 Mal, die ein CEO verdient. Vielleicht haben Sie gesehen, Elon Musk hat gerade sein erstes Billionen PayPacket vereinbart mit seinen 1000 Milliarden. Und das ist halt eine andere Art von Verhältnismäßigkeit. Oder Sie können auch sehen, dass vor dem Zweiten Weltkrieg die reichsten 10% der Gesellschaft 25% des gesellschaftlichen Wohlstands kontrolliert haben. Inzwischen sind es 60 Prozent, die die reichsten 10% kontrollieren. Das reichste 1% kontrolliert 40% des gesellschaftlichen Wohlstands und die ärmsten 50% kontrollieren 5% des gesellschaftlichen Wohlstandes. Das heißt, wenn man dann sagt, okay, es gibt für die meisten Menschen in der Gesellschaft eigentlich kein faires Vorauskommen mehr. Und Thomas Piketty hat uns gezeigt, dass Einkommen aus Kapital immer schneller steigt als Einkommen aus Arbeit, dann sieht man, diese Gesellschaften brechen auseinander. Und dann sieht man auch, dass demokratische Grundversprechen einfach nicht mehr wahr sind. Die Grundlage von Demokratie ist eine Person, eine Stimme. Und wenn Sie sehen, dass sich Herr Musk einen amerikanischen Präsidenten kaufen kann für 280 Millionen Dollar, oder dass jetzt gerade in der Tschechischen Republik ein Unternehmer einfach die ganze Regierung kaufen kann, dann sehen Sie, dass dieses Prinzip einfach zerbrochen ist. Also nein, du kannst es nicht mehr schaffen, wenn du dich einsetzt in der Gesellschaft und die da oben werden immer weiter, immer schneller weiter vorankommen als du. Und im Übrigen, deine Kinder werden es schlechter haben als du. Und das ist keine ideale Voraussetzung für eine Demokratie. Was könnte man daran machen? Naja, Umverteilung wäre eine Idee. Nur wenn Menschen, die Idee haben, tatsächlich das Gefühl haben, meine Interessen kann ich identifizieren mit diesem System. Dieses System ist da für mich. Dieses Spiel, das ich spiele, ist ein Spiel, was mich auch als Spieler begünstigt. Nur dann werden Menschen dieses System auch tatsächlich wollen und fördern und nicht mehr boykottieren und sonst werden sie einfach aufhören, es spielen zu wollen. Und ich glaube, in dieser Situation sind wir im Moment. Die Europäer kehren sich ab von der liberalen Demokratie, weil die liberale Demokratie für die meisten von ihnen nicht mehr gut funktioniert. Dazu kommt noch etwas, und das ist ein bisschen umstritten, aber ich möchte es hier doch anführen, weil es für mich sehr wichtig scheint und das ist der Wandel an Weltsicht, der sich in Europa und im Westen vollzogen hat. Vielleicht kann man sagen, die Rechte hat den ökonomischen Krieg gewonnen, aber die Linke hat den kulturellen Krieg gewonnen. Und das führt sich besonders zurück auf 1968. Es gibt eine spannen Soziologin namens Pipper Norris, die darüber gearbeitet hat in den Vereinigten Staaten. Und sie argumentiert, dass die Revolution 1968, die übrigens nur in Westeuropa stattgefunden hat und in Vereinigten Staaten, aber nicht zum Beispiel in Osteuropa und in Russland. Diese Revolution hat halt neue Werte von demokratischer Mitbestimmung, sexueller Befreiung etc. propagiert. Und wo fand diese Revolution statt? Sie fand statt an den Universitäten, nicht in den Fabriken, nicht am Land. Und die Menschen, die diese Revolution mitgemacht haben, nämlich die Studenten, die gingen dann in Jobs, die waren in den Medien und in der Regierung und an den Unis. Das heißt, sie waren auch in einer Situation, wo sie ihre neuen Werte institutionalisieren konnten und in Gesetze gießen konnten, in soziale Konventionen, in was weiß ich, Theaterinszenierungen und Filme. Das heißt, die Werte dieser Generation wurden überproportional stark betont und das waren aber Werte, die einen Großteil der Bevölkerung noch nicht mitgenommen hatten, denn die waren an diesen Debatten nicht maßgeblich beteiligt gewesen. Und das führt dazu, glaube ich, dass ein wesentlicher Teil der Bevölkerung sich auch kulturell gedemütigt fühlt, weil die Ideen, die für ihre Eltern richtig waren, die Ideen, die ihre Eltern zu anständigen Menschen machten, dass man stolz war auf sein Vaterland, dass man eine Religion hatte, dass man wusste, wer ein Mann war und wer eine Frau, diese Ideen sind jetzt die Ideen, die ihre Kinder hinterwälderisch und reaktionär und dumm erscheinen lassen. Und das ist ein kultureller Wandel, der einfach sehr schnell gegangen ist. Nur zu aller Klarheit, ich selbst teile diese progressiven Ideen, aber sie sind so schnell gekommen und sie sind so schnell institutionalisiert worden, dass sie, glaube ich, auch die Entfremdung eines Teils der Bevölkerung von diesem System vorangetrieben haben. Zumal dann auch wirklich diese Elite mit einer gewissen Arroganz zum Rest der Bevölkerung gesagt hat, wenn ihr diese Werte nicht teilt, dann seid ihr einfach moralisch minderwertig. Das scheint mir ein ganz wichtiger Vektor zu sein in der Gesellschaft, der auch da durchgeht und der auch wiederum heißt, dass eigentlich das soziale Gespräch ganz entscheidend gestört worden ist. Versuchen wir, diese kurzen Überlegungen abzuschließen über die Zukunft Europas und was Europa brauchen wird, um tatsächlich eine Zukunft zu haben als liberale Demokratien, als florierende Länder. Und ich glaube, die Herausforderungen sind sehr klar, die Herausforderungen sind auch enorm. Das heißt, die Herausforderung, eine Autonomie überhaupt möglich zu machen, eine strategische, die Herausforderung Nachhaltigkeit so zu stärken, dass diese Autonomie überhaupt befähigt wird und die Herausforderung innerhalb unserer Gesellschaften Demokratie so weit zu stärken, dass Demokratie auch wieder ein System wird, mit dem sich die meisten Menschen identifizieren können. Diese Probleme sind gigantisch. Es sind riesige Herausforderungen, die an Gesellschaften gestellt werden, die eigentlich gerade glaubten, alle Probleme gelöst zu haben. Und daraus kommt vielleicht auch ein gewisses Gefühl, verraten worden zu sein. Jetzt auf einmal wieder mitten im kalten Wind der Geschichte zu stehen, wo man es sich schon gemütlich gemacht hatte, im schönen Wohnzimmer der posthistorischen Ewigkeit. Nein, wir stehen wieder in diesem Wind in Europa. Dazu möchte ich zwei Sachen sagen: eine sehr konkrete und eine vielleicht eher metaphorische. Die sehr konkrete ist, kein einzelnes europäisches Land hat die Kraft, die Ressourcen, sich den Angriffen von außen effektiv allein zu widersetzen. Wenn Sie sehen, dass wir uns bereits jetzt in einem Krieg mit Russland befinden, auch wenn er noch ein hybrider Krieg genannt wird, aber dass jetzt bereits nicht nur Trollarmeen und Missinformationen und Desinformationen über unsere digitalen Medien gehen, sondern dass es auch Sabotageakte gibt mit billigen Wegwerfagenten, die man übers Internet findet, dass es auch politische Morde gibt, dass es gigantische Beeinflussnahme von Wahlen gibt in Deutschland, in anderen europäischen Ländern, dass es Cyberattacken gibt fast täglich auf deutsche, auf europäische Infrastruktur, dann sehen Sie, dass das ein Druck, wo kein einzelnes Land stark genug ist, dem Stand zu halten. Ich glaube, nur eine europäische Föderation könnte es schaffen, ausreichend Gewicht zu haben, in einer neoimperialen Welt zu bestehen, in der eben nicht mehr internationale Gesetze und internationale Institutionen die Machtverhältnisse regulieren, sondern ganz einfach die Macht der strategischen Player wie China und die USA und die ihre Satelliten haben und ihre Kolonien schaffen und ihre Einflusssphären verteidigen. In dieser Welt hat man entweder einen Sitz am Tisch oder man steht auf der Speisekarte. Und Europa muss sich bemühen, nicht auf die Speisekarte zu schlittern. Und da ist es im Moment auf dem Weg dahin. Und ich glaube, nur ein föderales Europa mit einem direkt gewählten Parlament und einer handlungsfähigen Regierung, einem gemeinsamen Steuersystem, einen gemeinsamen Finanzmarkt, einer gemeinsamen Armee etc., könnte diesem Druck tatsächlich effektiv standhalten. Ich glaube, nur als eine europäische Föderation könnte Europa eine politisch autonome Zukunft haben. Sonst gehen wir zu auf eine Zukunft als europäische Kolonie in anderer Großmächte, was eine der schönsten historischen Ironien wäre, dass der Kontinent der Kolonisatoren zum Kontinent der Kolonisierten wird. Dazu gehört auch, dass Europa gelernt hat, dass wir Europäerinnen gelernt haben, uns selbst klein zu reden. Wir sind Weltmeister im Kleinreden. Wir sind Weltmeister darin zu sagen, das, was die verrückten Amerikaner machen, was die bösen Chinesen machen, das ist alles schrecklich und das ist alles mächtig, aber wir können ja nichts dagegen tun. Auch die Klimakatastrophe ist etwas, was wir erleiden müssen, denn wir können ja nichts gegen die großen Kooperationen tun und das ist alles so festgefahren. Und im Prinzip können wir überhaupt nichts tun. Wir können nur auf unseren Händen sitzen und uns auf unserer moralischen Überlegenheit ausruhen. Aber wir müssen halt mit großem Wegklagen sehen, dass diese Welt in die falsche Richtung geht und dass das alles zu groß ist für uns. Ich glaube, das ist eine wirklich perfide Illusion. Europa ist noch nie so reich gewesen, wie es das heute ist. Europa ist trotz aller politischen Verwerfungen noch nie so friedlich und geeinigt gewesen, wie es heute ist. Es hat noch nie höhere Bildungsstandards, bessere Technologien etc. gehabt, als es das heute hat. Europa ist ein enorm handlungsfähiger Kontinent. Sogar militärisch könnte Europa eine ernsthafte Größe darstellen, wenn es seine Ressourcen neu organisieren würde. Aber eben genau das passiert es nicht. Das passiert nicht. Es ist nicht das Potenzial, das fehlt. Es ist der politische Wille. Und zu diesem politischen Willen möchte ich Ihnen noch ein kleines Bild mitgeben. Sie können dieses Bild sehen, wenn Sie ins Wienmuseum gehen. Hier in Wien, da ist es ausgestellt. Es ist ein Bauplan, ein architektonischer Aufriss für den Nordturm des Stephansdoms. Er stammt aus dem 15. Jahrhundert, aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts und der Baumeister, der es malte, ich glaube, er hieß Laurenz Sprengler, wenn ich mich recht erinnere, der hat also diesen Aufriss des Nordturms des Stephansdoms gezeichnet. Zwei Meter breit ist er und acht Meter hoch auf Pergament gezeichnet, enorm naturalistisch, immens schön. Und Laurens wusste, er würde selbst diesen Turm nie sehen. Auch seine Enkel würden diesen Turm wahrscheinlich nie sehen. Der Südturm hatte schon 300 Jahre gebraucht. Und er wusste auch, in den Jahrzehnten und vielleicht Jahrhunderten, denen dieser Turm brauchte, um gebaut zu werden, würde es viele Phasen geben des Scheiterns. Das Geld würde regelmäßig ausgehen, Arbeiter würden von den Gerüsten fallen, es würden Baustops geben und es würde politische Querelen geben. Und er selbst würde das Resultat nicht zu Augen bekommen. Aber trotzdem hat er diesen Plan gezeichnet und trotzdem hat er begonnen, diesen Turm zu bauen für die Generationen, die folgen würden, in dem Glauben, dass es wert ist, das zu tun. Ich glaube, das ist die Orientation, die heute fehlt in der ganzen westlichen Welt, dass es nichts Europäisches. Nicht nur bauen wir unsere Gebäude für die nächsten 30 bis 40 Jahre, sondern es ist tatsächlich die Perspektive in eine Zukunft, die sich erodiert hat, natürlich auch in den Arten von industriellen Massengesellschaften, in denen wir leben. Eine Perspektive, die tatsächlich eine Langzeitperspektive nimmt und sagt, es ist wert, in diese Richtung zu gehen und deswegen müssen wir es auch tun, auch wenn wir scheitern. Das hat übrigens noch eine kleine Notiz am Rande, denn wenn Sie sich heute den Nordturm des Stephansdoms ansehen, werden Sie sehen, der ist nie fertig gebaut worden. Irgendwann kamen die Türkenkriege und das Geld wurde woanders gebraucht und danach hatten sich die Stile so weit verändert, dass man keinen gotischen Turm fertig bauen wollte. Man hat ihm ein kleines Kupferdach gegeben und so steht er noch heute da. Die Zukunft wird immer anders, als man es geplant und vermutet hat, aber es ist trotzdem wert, sie jetzt mit aller Kraft zu konstruieren. Das ist das, was ich Europa wünsche. Europa hätte alle Ressourcen und Möglichkeiten, es zu tun. Was im Moment fehlt, ist der politische Wille. Aber vielleicht können wir den auch noch finden. Herzlichen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal im Blomcast. Sagen Sie es allen Ihren Freunden und Lieblingsfeinden, dass es diesen großartigen Podcast gibt und bitte abonnieren Sie ihn auch. Das hilft mir, das hilft auch der Sichtbarkeit des Blomcast. Und ich freue mich auf Ihre Fragen, auf Ihre Anregungen, vielleicht auch für weitere Interviewpartner. Ich habe noch viel vor, aber für heute danke fürs Zuhören.